Netzliteratur – zwei Aspekte ihrer (Un-)Möglichkeit



Der Begriff "Netzliteratur" steht im Raum. Daran knüpfen sich mehrere Fragen, von denen hier zwei herausgegriffen wurden, nämlich die - grundsätzlich und allgemeine - nach der Existenz von Netzliteratur (Gibt es Netzliteratur ?, Was ist Netzliteratur?) und die - eher spezielle - nach ihren ökonomischen Bedingungen (Gibt es Voraussetzungen zu ihrer Entwicklung?). Die darauf möglichen Antworten können positiv oder negativ ausfallen. Das soll hier kurz und komprimiert geschehen.1

"Es gibt keine Netzliteratur."

Die literarische Produktion baut auf Grundfesten auf, die durch elektronische Mittel wie dem Internet nicht nur nicht in Frage stehen, sondern auch gar nicht weiter entwickelt werden können: Netzliteratur läßt sich entweder ohne Verlust ausdrucken (sie ist also nicht an das Medium gebunden, und kann mithin nicht den Anspruch erheben, etwas Neues zu sein) und/oder ihr fehlt das spezifisch literarische, mystische (sie ist also noch nicht einmal Literatur, geschweige Netzliteratur). Daß das, was als Netzliteratur bezeichnet wird, durch Kürze und ihren Entstehungsprozeß selbst gekennzeichnet ist (Netzliteratur als Weg), definiert noch gar nichts.

"Netzliteratur ist ökonomisch unmöglich."

Netzliteratur unterläuft bisher existierende ökonomische Muster: Sie ist (abgesehen vom benötigten Serverplatz und Internetanschluß) kein knappes Gut, bei dem Personen von ihrem Konsum ausgeschlossen werden.2 Deshalb wird sie auch nicht Beschäftigungsgegenstand von Verlegern und Lektoren, die bisher durch ihre (geldwerte) Filterfunktion Qualitätsstandards sicherten und Status zertifizierten. Auch den Netzliteraturproduzenten selbst fehlt die ökonomische Grundlage ihres Tuns, sie haben keine Einkünfte daraus. Jenseits dessen ist Netzliteratur unsinnlich (wer liest schon am Bildschirm?) und unpraktisch (wer nimmt schon seinen Laptop mit ins Bett oder an den Strand?). So etwas verkauft sich eben nicht.

"Doch, es gibt Netzliteratur."

Neu am Netz und damit an der Netzliteratur sind seine/ihre interaktiven/kommunikativen Potentiale: Der Teilnehmerkreis ist fast unbegrenzt und jeder kann unmittelbar reagieren. Die Polarität von Autor auf der einen und dem Publikum auf der anderen Seite ist damit aufgebrochen. Jeder kann zum (Mit-)autor werden und sei es nur durch anregende Bemerkungen und Fußnotenhinweise. Idealerweise werden weitergeleitete Gedanken sogar weitergedacht und weitergeschrieben – das so Entstandene ist dann mehr als die Summe seiner Einzelteile. Durch stattfindende Events, bei denen Autoren zu Akteuen werden und umgekehrt, erhält außerdem die Polarität von Realität und Fiktion eine neue Dimension, die hergebrachte Literatur bisher nicht hatte. Daß die Kommunikationsumgebung (von spezifischer Nähe und Ferne) ihre Wirkung hat, zeigt sich an der großen Resonanz von Angeboten, die Verständnis und Zuwendung versprechen, also den Menschen in ureigensten Bedürfnissen ansprechen.3 Auch dies hat es vorher nicht gegeben. Außerdem bleibt Netzliteratur nicht bei "einfachen" Texten (ggf. mit Hyperlinks) stehen. Sie ist vielmehr multimedial, Gesamtkunstwerk aus Text, Bild und Ton.4

"Doch, Netzliteratur ist ökonomisch möglich."

Auch wenn Literaturproduzenten und – veröffentlichern (noch) kein direkter – ökonomischer – Gewinn beschieden ist, so ist ein indirekter durchaus möglich: Literatur kann als verlängerter Marketingarm fungieren, der Nachfrage für einen (sponsorenden, verlegerischen, oder privaten) Bereich schafft, in dem dann mit Geld zu bezahlen ist. Hier sind vielfältig Servicedienstleistungen und Folgegeschäfte denkbar. Außerdem ist vorstellbar, daß sich die gewinnorientierte Unterhaltungsindustrie dem neuen Medium und ihrer Literatur annimmt. Die neuen technischen Möglichkeiten mit größeren Übertragungsmengen versprechen jedenfalls auch neue literarische Potentiale (so ist die Kürze bisheriger Netzliteratur ja auch der technischen Begrenzungen geschuldet). Dies könnte ein großes und breites Publikum ansprechen, wobei – quasi automatisch – auch Anspruchsvoll-avantgardistisches abfiele.

Ob es Netzliteratur gibt oder nicht, ob sie ökonomisch möglich ist oder nicht, wird sich noch zeigen. Es bleibt, eine Vermutung – vielleicht sogar eine Hoffnung: Daß Netzliteratur menschliche Bewußtseinsveränderungen, die sich durch die weltweite Vernetzung ergeben, kompensiert. Diese Veränderungen bestehen in mehreren Neuordnungen, und zwar des Raumempfindens, der sozialer Bindungen und des historischen Bewußtseins.5 Solche Entwicklungen bergen durchaus Gefahren für Menschen und Gesellschaften. Eine medienspezifische Netzliteratur könnte spezifische Defizite funktional ausgleichen, (so, indem sie menschliche "Innenwelten" verteidigt). Analog wirkt Literatur in unseren heutigen Lebenswelten ja auch schon.

Christian Dφmich


Weiteres:
www.carpe.com
www.netzliteratur.de
www.s.shuttle.de/
www.berlinerzimmer.de/